Festrede zum Schulzubau 1992

Wenn wir heute den Zubau und die wunderschön gewordene Neugestaltung der Volksschule Bad Vöslau einschließlich des gesamten Schulbezirkes offiziell eröffnen, dann ist das ein wichtiger Abschnitt in der langen Entwicklung des Schulwesens in unserer Stadt, zumindest auf dem baulichen Sektor.

Ob es der Schlusspunkt ist, wage ich nicht vorauszusagen, denn das hängt von Faktorenab, die nicht im Bereich der Schule liegen.Der Zubau wurde notwendig, weil unsere Schule an einem akuten Platz- und Raummangel gelitten hat. Ein Leiden, das man durchwegs als chronisch bezeichnen kann, denn seit es Schulen bei uns gibt, kämpft man mit diesem Problem.

Begonnen hat es in Gainfarn. Dieser Ortsteil, bis vor 20 Jahren eine eigenständige Gemeinde, hat nicht nur eine weitaus ältere Kirche als Bad Vöslau, dort gab es auch schon viel früher eine Schule. Und so mussten neben den Gainfarner Kindern auch jene aus Vöslau und Großau in die Gainfarner Schule gehen.

Die Betonung liegt nicht ganz zufällig auf gehen. Jedenfalls wurde das Gebäude zu klein. Die Auswärtigen wurden ausgeschult - die Vöslauer und Großauer. Damals, es war in den Fünfzigerjahren des vorigen Jahrhunderts, bekamen Vöslau und Großau ihre ersten Schulgebäude. Die Großauer Schule war bis zu ihrer Schließung im Jahre 1967 im selben Haus untergebracht.

Nicht so in Vöslau. Das erste Vöslauer Schulgebäude wurde 1852 eröffnet. 41 Jahre lang wurden dort zuerst die Mädchen und die Buben, später nur mehr die Mädchen unterrichtet. Die Buben mussten das erste Schulhaus von Vöslau schon früher verlassen, das Gebäude war zu klein geworden. Die Vöslauer Kammgarnfabrik stellte das Haus, Wolfstraße 13 als provisorische Knabenschule zur Verfügung.

Dass übrigens die Buben aus der ersten Vöslauer Schule ausgesiedelt wurden und die Mädchen bleiben durften, war weder ein Akt der Höflichkeit noch eine Bevorzugung des schwachen Geschlechts, sondern hatte sehr nüchterne Hintergründe: den Turnunterricht. Zum Turnen mussten die Kinder in die Feuerwehr Übungs- und Turnhalle in der Raulestraße gehen. Der Weg von der Schule in der Wolfstraße zu dieser Halle war wesentlich kürzer als jener von der ersten Vöslauer Schule auf dem heutigen Kirchberg. Und weil das Mädohenturnen damals überhaupt keine Bedeutung hatte, im Gegensatz zu den Leibesübungen der Knaben, schickte man diese in das 13er Haus, denn da hatten sie nicht weit zur Turnhalle.

Einige Jahrzehnte lang besaß Vöslau nun zwei Schulgebäude. Aber das chronische Leiden Raumnot trat wieder auf. In welchem Ausmaß, das sollen einige Zahlen zeigen. Angesichts dieser Entwicklung der Schülerzahlen musste der Vöslauer Gemeinderat handeln. Er tat es auch. In den ersten Monaten des Jahres 1892 - vor 100 Jahren - fasste er den Beschluss, ein neues Schulgebäude zu errichten. Nur 17 Monate später am 31. August 1893 wurde dieKaiser Franz Joseph Schule, das heutige Hauptschulgebäude, feierlich eröffnet. Ein großzügig geplantes Bauwerk, das für lange Zeit das Problem der Raumnot löste.

Das erste Vöslauer Schulgebäude wurde zum Rathaus umfunktioniert und ist nun seit fast zwei Jahrzehnten Heimstätte des Museums und der Stadtbücherei. Aus der Schulgasse, die von der Hochstraße zum Schulhaus führte, wurde die Rathausgasse. In das 13er Haus in der Wolfstraße, die provisorische Knabenschule, zogen wieder jene Menschen ein, die vorher schon dort gewohnt hatten: Textilarbeiterfamilien.

So lobenswert es von der Direktion der Vöslauer Kammgarnfabrik war, dass sie eines ihrer Häuser im Fabriksviertel der Gemeinde als Schulhaus zur Verfügung gestellt hatte, es war auch ihre Verpflichtung. Der starke Schülerzuwachs in den Schulen war zu einem sehr beachtlichen Teil auf die stark steigende Zahl der Textilarbeiter und -arbeiterinnen in der Kammgarnfabrik zurückzuführen. Die meisten dieser zugewanderten Familien waren Gastarbeiter aus Sachsen. Die ersten von ihnen kamen 1853 zu uns.

Das neue Schulgebäude in der Raulestraße, in dem nun Knaben und Mädchen unterrichtet wurden, blieb zwar als Gebäude bis zum heutigen Tage unverändert, in seiner inneren Struktur ist aber vieles anders geworden. Zuerst wurde 1910 die Bürgerschule eingerichtet. In der normalen Schullaufbahn besuchten nun die Kinder fünf Klassen VS, anschließend 3 Klassen Bürgerschule.

1928 gab es die nächste große Reform, die Hauptschule wurde eingeführt: 4 Klassen VS, dann 4 Klassen HS. Die Klassenräume der VS lagen im 1.Stockwerk, jene der HS im 2. Nun bewegte sich der Schülerstrom in umgekehrter Richtung. Zahlreiche Kinder aus Gainfarn und Großau besuchten die Vöslauer Hauptschule. Das ist bis heute so geblieben, auch wenn sich die Form des Unterrichtes geändert hat.

Auf eines sollte man nicht vergessen: Vor genau 50 Jahren wurde zum ersten Mal eine sogenannte "Hilfsschulklasse" geführt. Man hat seither nicht nur den Namen dieser Schulform geändert - sie heißt heute Sonderschule - man hat auch die große pädagogische, erziehliche und volkswirtschaftliche Bedeutung erkannt.

So groß die organisatorischen Veränderungen in unserem Schulwesen waren, eines blieb, das chronische Leiden, die Schulraumnot, sie holte auch die großzügig konzipierte, 1893 erbaute Schule ein. Schließlich musste man sogar im Schichtbetrieb unterrichten. Beim Wechselunterricht, wie man das nannte, waren in jedem Raum der VS zwei Klassen untergebracht. Eine hatte am Vormittag,  eine am Nachmittag Unterricht, jede Woche war "Schichtwechsel". Dieser unhaltbare Zustand wurde 1952 beendet. In der Rosenbergvilla, dem Haus neben unserer Volksschule, wurden provisorische Klassenzimmer eingerichtet. Einige Klassen der VS und zwei Klassen der Sonderschule fanden dort Platz. Damit war die Raumnot nicht mehr so drückend, es war aber keine zufriedenstellende Lösung.

Genau 25 Jahre ist es her,  da wurde dann dieses Gebäude errichtet: die neue Volksschule. OSR Dir. Rudolf Schön, gleichzeitig Bürgermeister von Bad Vöslau, war es nach intensiven Bemühungen gelungen, den Plan, eine neue, eigene Volksschule zu errichten, zu realisieren. Sie wurde eine prächtige, den Anforderungen modernen Unterrichtes entsprechende Schule. Eines konnte sie allerdings nicht erfüllen, das chronische Leiden Raumnot endgültig zu heilen. Einerseits haben bedauerlicherweise die übergeordneten und natürlich auch darlehensgebenden Stellen, die Pläne für das von OSR Schön großzügig und zukunftsorientiert geplante Schulgebäude arg beschnitten, andererseits trat eine neue, nicht voraussehbare Entwicklung ein: durch den Zuzug vieler Gastarbeiterfamilien stieg die Schülerzahl sprunghaft an.

Besuchten kurz nach der Eröffnung der neuen Volksschule im Jahre 1967 36 Kinder mit nichtdeutscher Muttersprache, wie die Bezeichnung heute lautet, die Vöslauer Volksschule, so waren es 10 Jahre später 134. Derzeit liegt die Zahl konstant zwischen 100 und 120 Kindern. Die Schule hatte nun auf zwei Gebieten Probleme zu bewältigen: Raumnot und pädagogische Schwierigkeiten durch die Gastarbeiterkinder. Die Raumnot wurde behelfsmäßig gelindert, indem man das Lehrerzimmer und das Lehrmittelzimmer zu Klassenräumen umfunktionierte, die Kästen mit den Lehrmitteln auf den Gang stellte, um in den Räumen die Schüler zu unterrichten. Ja, sogar auf dem Gang wurde bis zum vergangenen Jahr unterrichtet.

Ein weiteres Beispiel soll die Beengtheit im Schulhaus drastisch dokumentieren: Aus dem kleinen Ärztezimmer für die Schuluntersuchung wurde die Küche, da die Kinder in der ganztägig geführten Schulform die Möglichkeit hatten, ein warmes Mittagessen zubekommen. Ein Umkleideraum des Turnsaales wurde zum Essraum, zum Untersuchungsraum und zuguter Letzt wurden auch noch Schülergruppen darin unterrichtet, wenn keine freie Klasse mehr zur Verfügung stand - ein auf die Dauer unhaltbarer Zustand. Es galt aber auch das zweite Problem zu lösen, die pädagogischen Schwierigkeiten durch die vielen Kinder mit nichtdeutscher Muttersprache.

Die Volksschule Bad Vöslau war eine der ersten Schulen in Österreich und die erste in Niederösterreich, die auf diesem Gebiet neue Wege gegangen ist. In dieser Schule haben die Lehrer die ausländischen Kinder nicht als Fremdkörper betrachtet, die man einfach in die letzteBank gesetzt hat, und um die man sich - sie verstehen ja doch nicht, was man sagt - gar nicht weiter kümmert. An dieser Schule wurde der erfolgreiche Versuch unternommen, diesen Kindern zu helfen.

Das, meine Damen und Herren war damals gar nicht so leicht. Es gab keine Lehrpläne, keine Bücher, keine Unterrichtsbeispiele, keine Fördereinrichtungen und Lehrer, die auf diesem Gebiet keine Erfahrung hatten. Verschärft wurde die Situation durch die familiären Verhältnisse der ausländischen Kinder. Die Eltern konnten nicht helfen, manche, sprechen wir das auch offen aus, wollten dies auch gar nicht. Aus einem fremden Land ohne Vorbereitung gekommen, oft sogar aus einem völlig anderen Kulturkreis, fehlte ihnen jedes Verständnis für die im Gastland herrschenden Sitten und Gebräuche, von den Schulbestimmungen ganz zu schweigen.

Durch die Einführung eines gezielten Förderunterrichtes, den Einsatz von Begleitlehrern und durch die Tagesheimschule - auch hier zählte die Vöslauer Volksschule zu den Allerersten in Niederösterreich - ist es den Lehrern dieser Schule gelungen, die schwierige Aufgabe zulösen, Kindern mit nichtdeutscher Muttersprache eine erfolgreiche Teilnahme am Unterricht in einer österreichischen Schule zu ermöglichen.

Je besser diese Kinder dem Unterricht in der Klasse folgen können, umso intensiver und effektvoller kann in der Kasse gearbeitet werden, und das kommt in besonderem Maße unseren österreichischen Kindern zugute. Alle diese Einrichtungen sind das große, einmalige Verdienst meines Vorgängers OSR Dir.Robert Haininger, der sich mit der Problematik "Ausländerpädagogik "- wie sie heute genannt wird - von Anfang an auseinandergesetzt hat. Seine, im Laufe der vielen Jahre gewonnenen Erfahrungen, gibt er bis heute, obwohl längst im verdienten Ruhestand, an Lehrer und Studenten der pädagogischen Akademie weiter. Ebenso ist er einer der ersten Verfasser von Lehrbüchern für Schüler mit nichtdeutscher Muttersprache, und der Ruhestand hält ihn nicht davon ab, an Verbesserungen und Neuauflagen zu arbeiten.

Heute gibt es bereits eine Fülle von Unterrichtsbehelfen und die Weiterbildung der Volksschullehrer auf dem Gebiet der Ausländerpädagogik wird ständig fortgesetzt - viele Studenten der pädagogischen Akademie absolvieren ihre Praxisstunden an unserer Schule. Durch die Öffnung der Grenzen und ein "Neues Europa " wird es bald keine rein österreichische Schule mehr geben. Dass Schüler, Lehrer und Eltern in Bad Vöslau einen enormen Vorsprung im "miteinander Lernen und miteinander Leben" haben, möchte ich als äußerst positiv hervorheben.

Die pädagogischen Schwierigkeiten sind durch den Einsatz der Bad Vöslauer Lehrer weitgehend gelöst worden, die Raumnot, das Leiden an unseren Schulen, konnten die Lehrer nicht lösen. Das ist eine Aufgabe der Gemeinde, der Kommunalpolitiker. Sie habe die Anliegen der Schule ernst genommen, sie haben durch diesen Zubau, der sich harmonisch in das Gesamtkonzept einfügt, die räumlichen Voraussetzungen für eine erfolgreiche Arbeit in der Schule geschaffen. Dafür danken wir ihnen.

Wir wissen heute nicht, wie sich die Schülerzahlen in Zukunft entwickeln werden, wir wissen nicht, ob nicht durch kommende Schulgesetz eine neue Situation geschaffen wird - doch eines wissen wir: durch diesen Zubau, der heute eröffnet wird, haben die Verantwortlichen die räumlichenVoraussetzungen entscheidend verbessert, um den Mädchen und Buben der Volksschule BadVöslau eine gediegene, solide Grundschulausbildung zu geben, die sie in ihrer weiteren Schullaufbahn und darüber hinaus in ihrem weiteren zukünftigen Berufsleben brauchen werden - dafür sage ich im Namen der Schüler, der Lehrer und der Eltern meinen herzlichsten Dank.

Dir. Gertraude Resch